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1. Was ist »Awareness«?
1.1 Was bedeutet »Awareness«?
Der Begriff »Awareness« stammt aus dem Englischen und bedeutet im weitesten Sinne »sich bewusst sein, sich informieren und für bestimmte Problematiken sensibilisiert sein«.
Die Problematiken, für die Awareness-Arbeit sensibilisieren soll, leiten sich aus den strukturellen Ungleichheiten unserer Gesellschaft ab. Menschen, denen bestimmte Merkmale zugeschrieben werden, werden strukturell bevorzugt (privilegiert) oder benachteiligt (diskriminiert). Awareness richtet sich gegen alle Formen von Diskriminierung. Das sind zum Beispiel Sexismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Ableismus und Klassismus.
Ziel der Awareness-Arbeit ist es, Strukturen der Ungleichheit und Ausgrenzung abzubauen und konsensbasiertes Handeln zu fördern. Es soll eine sichere Atmosphäre geschaffen werden, in der sich alle wohlfühlen können und persönliche Grenzen respektiert werden. Dies kann innerhalb einer Veranstaltung nur dann gelingen, wenn alle Teilnehmenden eine Haltung und Praxis entwickeln, Diskriminierung entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur darum, auf grenzüberschreitende Vorfälle zu reagieren, sondern Machtverhältnisse bewusst zu reflektieren, präventive Strukturen zu schaffen und für eine gerechtere Gesellschaft einzustehen.
Folgende Konzepte sind Grundlage für die Awareness-Arbeit und dienen als Orientierungspunkte:
Definitionsmacht:
Menschen sind von verschiedenen Diskriminierungsformen (wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Transfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Klassismus und weitere) unterschiedlich betroffen. Sie werden durch die Diskriminierung entweder benachteiligt und erfahren Gewalt oder sie werden privilegiert und üben Gewalt aus. Das Konzept der Definitionsmacht setzt voraus, dass Gewalt alles ist, was die von einer Diskriminierungsform betroffene Person als solche definiert oder benennt. D.h. was eine Diskriminierung oder Grenzüberschreitung ist, entscheidet die betroffene Person unabhängig von der Intention der diskriminierenden Person.
Betroffenenzentriertheit:
Was nach einer Grenzüberschreitung oder Diskriminierung geschehen soll, sollte sich an den Wünschen und Bedürfnissen der betroffenen Person orientieren. Die betroffene Person und ihre Wünsche und Bedürfnisse stehen im Fokus der Awareness-Arbeit. Awareness-Arbeit zentriert die Betroffenen, orientiert sich an ihren Bedürfnissen und ist vertraulich. Betroffene werden als die wahren Expert*innen für ihre eigenen Gefühle ernst genommen. Das Awareness-Team nimmt sie wahr und ernst. Betroffene können sich öffnen, dürfen aber zu nichts gedrängt werden. Mögliche Schritte werden nur in Abstimmung mit den Betroffenen unternommen. Eine Konfrontation mit der diskriminierenden oder gewaltausübenden Person kann nur stattfinden, wenn die betroffene Person dies ausdrücklich wünscht.
Vertraulichkeit:
Sensible Informationen werden nur unter Absprache mit der betroffenen Person außerhalb des Awareness-Teams weitergegeben.
Parteilichkeit:
Parteilichkeit bedeutet, dass in Situationen von Diskriminierung und Gewaltausübung keine neutrale Position eingenommen werden kann. Die Aufgabe von Awareness-Arbeit ist es nicht, zwischen der betroffenen Person und der gewaltausübenden Person zu vermitteln. Bei Situationen von Diskriminierung, Grenzüberschreibungen und Übergriffen steht oft Aussage gegen Aussage, meist zum Nachteil der betroffenen Person. Wenn wir das Recht-auf-Stadt-Forum zu einem möglichst offenen Ort für alle machen und eine gesellschaftliche Veränderung anstoßen wollen, müssen wir lernen, parteilich mit den Betroffenen zu sein: Ihnen zuzuhören, ihnen Glauben zu schenken und sie dabei zu unterstützen, ihre Forderungen durchzusetzen. Im Zweifel bedeutet die Missachtung der Forderungen einer betroffenen Person ein lebenslanges Trauma und das dauerhafte Verlassen eines Ortes, der nicht mehr als sicher wahrgenommen werden kann. Für eine zu Unrecht beschuldigte Person passiert in der Regel nichts Schlimmeres, als dass sie einen Ort (vorübergehend) verlassen muss.
1.2 Woraus ist Awareness entstanden?
Awareness-Arbeit hat ihre Wurzeln in den Bürgerrechtsbewegungen der 1950er und 1960er Jahre in den USA, die sich gegen die systematische Unterdrückung und Diskriminierung afroamerikanischer Bürger richteten. In den 60er und 70er Jahren brachte die zweite Welle des Feminismus das Bewusstsein für Geschlechterungleichheiten und –diskriminierungen in den Vordergrund. In den 80er und 90er Jahren wuchs das Bewusstsein für die Diskriminierung von LGBTQIA+ Personen, insbesondere durch die Aids-Krise und die Arbeit von Aktivist*innen wie ACT Up, die auf Missstände im Umgang mit HIV/AIDS-Patient*innen aufmerksam machten.
Der US-amerikanische Ursprung von Awareness ist eng verwoben mit den Konzepten der community accountability und der transformative justice. Dabei werden alternative Konzepte zur Herstellung von Sicherheit innerhalb der Zivilgesellschaft, unter anderem im Umgang mit sexualisierter Gewalt in BIPoC-Communities, ausgehandelt und erprobt.
In Deutschland wurde 2004 durch die Anlaufstellen gegen sexualisierte Gewalt Tauwetter und Wildwasser, und dem Weglaufhaus Villa Stöckle die erste Ausformulierung des betroffenenkontrollierten Ansatzes (BkA) durchgeführt. BkA bedeutet die Unterstützung von Betroffenen für Betroffene, um reflektierte Erfahrungen in die Arbeit mit einzubringen und diese gegenüber professionellen Ansätzen aufzuwerten. Etwa zur gleichen Zeit schwappen auch die Konzepte der community accountability und der transformative justice aus den USA nach Deutschland über.
Hier wurde Awareness zunächst vor allem als antisexistische Praxis verstanden. 2007 initiierte die Aktivistin Ann Wiesental die erste Awarenessgruppe anlässlich des Protests gegen den G8-Gipfel. Sie gründete gemeinsam mit Aktivist*innen und Gruppen der queerfeministischen Bewegung die »Antisexist Contact- and Awarenessgroup«. Daraus entwickelte sich in vielen aktivistischen Kontexten ein intersektional feministischer Ansatz für Awareness-Arbeit. Intersektionalität ist ein Begriff den Kimberlé Crenshaw in den späten 1980er Jahren formulierte, der die Überschneidungen verschiedener Diskriminierungsformen beschreibt und eine Sensibilität dafür schafft, wie unterschiedliche Identitäten und soziale Positionen miteinander verwoben sind.
Heute wird Awareness in vielen Bereichen wie Bildung, Kultur, Politik, Unternehmen und Aktivismus umgesetzt, um ein Bewusstsein für verschiedene Formen der Diskriminierung zu schaffen, Maßnahmen dagegen zu ergreifen und eine inklusive und respektvoll Umgebung zu fördern.
Awareness bleibt ein zentraler Bestandteil des Engagements für soziale Gerechtigkeit und Inklusion in der heutigen Gesellschaft.
2. Aufgaben und Grenzen von Awareness
Awareness ist kollektive Aufgabe aller Personen vor Ort. Sie werden dabei von einem erkennbar markierten Awareness-Team unterstützt. Das Awareness-Team hat die Aufgabe, Betroffenen von Diskriminierung und persönlichen Grenzüberschreitungen beizustehen und im Interesse dieser betroffenen Person zu handeln. Es wird aktiv, wenn grenzüberschreitendes oder diskriminierendes Verhalten beobachtet wird, Betroffene sich an das Team wenden, andere darauf hinweisen oder Personen um Hilfe bitten. Das Awareness-Team steht allen Teilnehmenden der Veranstaltung zur Verfügung.
Insgesamt ist das Awareness-Team darauf ausgerichtet, eine unterstützende und sichere Umgebung zu schaffen, in der alle Mitglieder gleichermaßen respektiert und geschützt werden. Es trägt dazu bei, eine Kultur der Achtsamkeit, des Mitgefühls und der Gerechtigkeit zu fördern. Grenzüberschreitendes Verhalten ist eine Sache subjektiver Wahrnehmung der Betroffenen oder von Beobachterinnen. Die Definition darüber, ob grenzüberschreitendes oder diskriminierendes Verhalten vorgefallen ist, liegt ausschließlich bei der betroffenen Person. Jede von Gewalt oder Diskriminierung betroffene Person bestimmt aufgrund ihrer persönlichen Geschichte, Gegenwart und Erfahrung für sich selbst, was sie als grenzüberschreitend wahrnimmt. Nach diesem Grundsatz nimmt das Awareness-Team die Perspektive der Betroffenen ein und schützt sie.
Die Aufgaben des Awareness-Teams grenzen sich klar von herkömmlichen Security-Teams ab. Es geht nicht darum, die Befolgung von Regeln durchzusetzen, sondern sich vor allem um die Unterstützung derjenigen zu kümmern, die Verletzungen erfahren haben. Außerdem hat das Awareness-Team keine Streitschlichter*innen-Funktion, sondern stellt Gesprächspartner*innen und einen Rückzugsraum für die betroffene Person zur Verfügung und bespricht Handlungsmöglichkeiten. Ebenso übernimmt das Awareness-Team nicht die Betreuung von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen durch Drogenkonsum. Gleichermaßen handelt es sich beim Awareness-Team nicht um Sanitäter*innen. Es verfügt aber über eine Kontaktliste von Ersthelfer*innen und weiterführenden Anlaufstellen.
3. Unsere Awareness-Struktur
3.1 Awareness-Team
Das Awareness-Team besteht aus der Koordination im Vorfeld (AK Awareness) und den aktiven Schichten.
Für die Dauer des RAS-Forums in Offenbach vom 12.—14. Juni 2026 und bis zu vier Wochen danach übernimmt der AK Awareness die Koordinationsfunktion. Der AK besteht aus (aktuell) zwei Personen und hat sich vor dem Forum getroffen, um gemeinsam die Organisation und Umsetzung des Awareness-Konzeptes vorzubereiten. Dabei wurden Absprachen zur Vor gehensweise getroffen und im Awareness-Konzept festgehalten. Wichtig ist dabei anzumerken, dass der AK Awareness dies nicht als professionell geschulte Einheit erarbeitet hat, sondern als Zusammenschluss von Einzelpersonen mit mehr oder weniger Awareness-Erfahrung. Dieser Zusammenschluss besteht nicht über das Forum hinaus. Der AK organisiert das Konzept und auch das Schichtsystem, in dem freiwillige Helfer*innen zu einer kollektiv getragenen Awareness beitragen. In dem Schichtsystem können sich Personen für die aktiven Schichten selbstständig eintragen. Da Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen Awareness-Schichten übernehmen können, bietet der AK Awareness kurz vor (ca. 1 Woche) dem Forum ein Online Vorbereitungstreffen an. Während des gesamten Forums ist der AK Awareness für Koordination und aufkommende Fragen, sowie Notfälle erreichbar. Den aktiven Schichten werden die entsprechenden Kontaktdaten zur Verfügung gestellt.
3.2 Awareness auf dem RAS Forum
Awareness-Point & Rückzugsort
Schichtsystem
Präsenz und Erreichbarkeit
Party Awareness
Awareness-Selfcare
4. Beispiele und Umsetzung
Das Awareness-Team wird aktiv, wenn:
Oder bei sonstigen Fragen von Teilnehmenden zum Thema Awareness.
4.1 Konkrete Schritte im Umgang mit Betroffenen
Wenn eine betroffene Person auf dich zukommt, folge diesen Schritten:
I. Situation schildern lassen
II. Fragen, was die Person braucht
III. Nach konkreten Dingen fragen
Frage die Person konkret, ob sie eines oder mehrere der folgenden Dinge benötigt:
IV. Möglichkeiten aufzeigen
V. Besprochenes Vorgehen umsetzen
Weitere wichtige Punkte:
Links/Quellen: